„Man ist nicht allein“ Die Kraft der Angehörigengruppe

Am 21. September ist Welt-Alzheimer-Tag. In diesem Jahr steht besonders die Bedeutung von Gemeinschaft, Austausch und Unterstützung im Fokus. Ein Thema, das nicht nur Menschen mit Demenz betrifft, sondern auch jene, die sie im Alltag begleiten.
Wenn ein nahestehender Mensch an Demenz erkrankt, verändert sich vieles – oft schleichend, aber tiefgreifend. Für Angehörige beginnt damit ein Weg, der von Verantwortung, Unsicherheit und emotionaler Belastung geprägt sein kann.
«Viele Angehörige wachsen in diese Rolle hinein und merken erst mit der Zeit, wie fordernd sie ist», sagt Christian Graf von der Stiftung Blumenrain. «Sie leisten enorm viel, häufig im Hintergrund und oft über lange Zeit.»
Genau hier setzt die Angehörigengruppe an. Sie bietet einen geschützten Raum, in dem Erfahrungen geteilt werden können. «Es geht nicht darum, Lösungen vorzugeben», so Graf. «Sondern darum, voneinander zu lernen – und zu merken, dass man nicht allein ist.»
Wie wichtig ein solcher Austausch sein kann, zeigt die Geschichte von Priya Malhotra:
Interview mit Angehörige Priya Malhotra

„Ich muss nichts erklären“
Priya weiss, was das bedeutet.
Die heute 55-Jährige ist in Indien aufgewachsen und kam mit 16 in die Schweiz. Nach dem frühen Tod ihres Vaters entwickelte sie eine besonders enge Beziehung zu ihrer Mutter.
«Wir waren füreinander da», sagt sie.
Über viele Jahre lebte ihre Mutter bei ihr zu Hause. Es war selbstverständlich, dass sie sich kümmern würde. Doch dann begann sich etwas zu verändern.
«Es hat mit kleinen Dingen angefangen. Sie hat Sachen falsch eingeräumt oder ich habe Dinge an völlig anderen Orten gefunden. Da habe ich gemerkt: Da stimmt etwas nicht.»
Die Veränderungen kamen schleichend – und wurden mit der Zeit immer deutlicher.
Zwischen Verantwortung und Überforderung
Priya reagierte konsequent:
«Ich habe meinen Job aufgegeben und sie zwei Jahre lang zu Hause gepflegt.»
Was zunächst nach einer klaren Entscheidung klingt, wurde im Alltag zur enormen Belastung.
«Wenn ich sie nur fünf Minuten allein gelassen habe, hat sie aus dem Fenster um Hilfe gerufen. Die Polizei stand zweimal vor unserer Tür, weil Nachbarn dachten, etwas stimmt nicht.»
Der Alltag wurde unberechenbar.
«Es gibt kein Buch dafür. Jeder Mensch mit Demenz ist anders. Man kann nichts einfach übertragen.»
Besonders herausfordernd war die ständige Wiederholung:
«Sie stellt hundertmal die gleiche Frage. Und man darf nicht ausrasten. Dafür braucht es eine extreme Geduld – die musste ich erst lernen.»
Der schwierigste Schritt
Trotz aller Bemühungen kam irgendwann der Punkt, an dem es nicht mehr ging.
«Das Schlimmste war für mich, sie überhaupt irgendwohin zu bringen», erzählt Priya. «Sie wollte nicht – und ich auch nicht.»
Doch die Situation zu Hause war nicht mehr tragbar.
«24 Stunden Verantwortung – das schafft man nicht. Wir waren beide am Anschlag.»
Eine Fachperson bestätigte schliesslich, was Priya innerlich bereits wusste:Es braucht eine andere Lösung.
«Innerhalb weniger Wochen war klar: Es geht nicht mehr zu Hause.»
Leben zwischen Schuldgefühlen und Realität
Der Entscheid, die Mutter in Betreuung zu geben, war emotional belastend.
«Man möchte etwas Gutes tun – und hat gleichzeitig das Gefühl, alles falsch zu machen.»
Hinzu kommt der persönliche Einschnitt:
«Ich habe meinen Job aufgegeben. Jetzt suche ich wieder eine Stelle – mit 55 ist das nicht einfach.»
Und trotzdem bleibt die Beziehung zentral:
«Das Wichtigste ist für mich: Sie erkennt mich noch.»
Warum die Angehörigengruppe so wichtig ist
Den Weg in die Angehörigengruppe fand Priya über Christian Graf selbst.
«Er hat gesagt: Komm doch vorbei.»
Was sie dort fand, hat sie überrascht:
«Dort sitzen Menschen, die mich verstehen. Ich muss nichts erklären.»
Der Austausch wurde für sie schnell zu einem wichtigen Anker:
«Ich wollte wissen: Geht es anderen auch so? Und ja – es geht anderen genauso.»
Besonders wertvoll ist für sie das praktische Wissen:
«Ich habe Dinge gelernt, von denen ich nicht wusste, dass sie zur Demenz gehören.»
Und noch etwas ist entstanden:
«Ich habe neue Leute kennengelernt. Es sind sogar Freundschaften entstanden.»
Lernen von anderen
In der Gruppe geht es nicht um Vergleiche – sondern um Perspektiven.
«Jede Situation ist anders. Aber man kann so viel voneinander lernen.»
Priya beschreibt es einfach:
«Man lernt jeden Tag dazu.»
Ein klarer Rat
Für Priya ist die Antwort eindeutig, wenn sie anderen Betroffenen etwas mitgeben kann:
«Auf jeden Fall hingehen. Es hilft enorm.»
Denn am Ende ist es genau dieses Gefühl, das bleibt:
«Zu merken, dass man nicht allein ist, macht einen riesigen Unterschied.»


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